Den richtigen Vergleich hatte Doris Krystof, die Co-Kuratorin dieser Ausstellung, parat: Das digitale Material, das der kanadische Medienkünstler Jon Rafman aus dem Internet entnimmt und für seine Fotoarbeiten, Videos und Filme verwendet, erinnert im übertragenen Sinne an die Zeitungsschnipsel und Fahrkarten, welche die DADA-Künstler vor 100 Jahren zu ihren Collagen verarbeiteten: Der Abfall und Müll von der Straße ist bei ihm das, was er seit zwanzig Jahren auf den Gründen und in den Abgründen des Internets findet.
Rafman, der sich selbst als Cyberflaneur bezeichnet, montiert und ergänzt mit den Mitteln und Möglichkeiten des digitalen Zeitalters. Er fügt die bewegten und animierten Bilder und Bildsequenzen realer Menschen, die Absonderlichkeiten von sich ins Netz stellen, Avatare und Chimären zu Filmen, Musikvideos, narrativen Splittern zusammen und folgt den Spuren virtueller Orte und imaginiert scheinbar reale Ereignisse. Passend dazu ist die Werkschau in der Wechselausstellungshalle im Untergeschoss von K21 zu sehen. Dort ist sie (wie ein „Gesamtkunstwerk“, so Rafman, im Sinne von Kurt Schwitters) wandfüllend eingekleidet wie in einem Höhlensystem, in das sich die Menschheit zurückgezogen hat, oder im verwahrlosten Zuhause eines Nerds am Computer, im Netz. Rafman folgt von Werkgruppe zu Werkgruppe verschiedenen technischen Verfahren; er zeigt Sequenzen (etwa Simulationen von Musikvideos) und lange Erzählungen, die ins Bodenlose abstürzen, indem er sich wie ein Surfer auf der Welle von den Bildern treiben lässt und plötzlichen Einfällen folgt.
Das ist der Rahmen für einen Parcours, der mitunter der Realität und mitunter finsterster Phantasie entspringt und mittlerweile von KI generiert wird, etwa nach Sprachnavigation. Mensch-Tier-Wesen befinden sich in Ausnahmezuständen; es entspricht nur dem, was man im Internet findet, dass auch Gewalt und Pornographie anklingen. Aber Rafman zeigt nicht nur, sondern er analysiert auch den Zustand des Internets und dessen emotionale Auswirkung auf unsere Bildsprachen. Was er mit seinem hoch ästhetisch übersetzten Vokabular anbietet, liegt per se in der Vergangenheit, als das Internet – anfänglich – hoffen ließ, dass es zu etwas Gutem betragen könne, aber umgehend die Enttäuschungen dessen folgten. Rafman ist 1981 geboren, damit noch mit einer gewissen Distanz sozialisiert, die besagt, dass ein Leben ohne das Internet möglich ist. Sein Schaffen nimmt die Entwicklungen der Zeit auf und dokumentiert diese sozusagen – und zeigt, dass es eigentlich nur noch schlimmer, ausufernder, raffinierter und grausamer ist.
Jon Rafman: Main Stream Media, bis 27. September in K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Di-So 11-18 Uhr, www.kunstsammlung.de
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