Im Oktober zeigt das tanzhaus nrw mit PANDORA (09.10. + 10.10.) und Hang Time: The Niggaz’ I-Ching (16.10. + 17.10.) zwei Uraufführungen, die Körper ganz unterschiedlich in den Blick nehmen: als Körper, die einander tragen und verlieren, und als Körper, die betrachtet, begehrt und gelesen werden. Zwei intensive Tanzstücke, bei denen einiges in Bewegung gerät. Zu beiden Stücken gibt es im Anschluss Künstler*innengespräche.
Glamour, Begehren und Fantasie liegen in der Luft, wenn Paula Pau und Andras Meneses Sousa die Kleine Bühne in eine zeitgenössische Büchse der Pandora verwandeln. Im Zentrum steht Pau als Showgirl: schillernde Bühnenfigur, Projektionsfläche und selbstermächtigte Performerin zugleich. Pau verbindet Elemente des thailändischen Cabarets mit Showtanz, chinesischer Oper und rituellen Praktiken. Was zunächst wie ein glamouröses Spektakel erscheint, wird zur Untersuchung des Blicks: Wie entstehen Identitäten durch die Erwartungen anderer? Und wie viel Macht liegt darin, gesehen zu werden – und sich diesem Blick zu entziehen?
Gemeinsam mit Sousa entwickelt Pau einen Bühnenraum, in dem Sichtbarkeit, Macht und Handlungsspielräume ständig in Bewegung geraten. Die Bühne trennt die reale Person von der Figur, die sie verkörpert – und macht gerade dadurch sichtbar, wie fragil und wandelbar Identität sein kann. Aus dem Mythos der Pandora entsteht ein Spiel zwischen Begehren und Kontrolle, Fantasie und Realität, Selbstinszenierung und Fremdzuschreibung.
Für den Sound sorgt die experimentelle Sängerin, Songwriterin, Produzentin, Performerin und Multi-Instrumentalistin Trace Polly. In ihrer körperlich und emotional eindringlichen Musik treffen Saiteninstrumente auf Alltagsgegenstände wie Haar- und Nähmaschinen oder Sexspielzeug. So entsteht ein Soundkosmos, der den Bühnenraum unter Spannung setzt.
Pandora fragt: Wer schaut? Wer wird gesehen? Und wer entscheidet darüber, was zu sehen ist?
Abhängen kann vieles bedeuten: sich treiben lassen, an etwas festhalten, erschöpft sein – oder buchstäblich in der Luft hängen. Beim Basketball bezeichnet ‚Hang Time’ den Moment, in dem ein Körper nach dem Absprung länger als erwartet in der Luft zu schweben scheint. In Hang Time: The Niggaz’ I-Ching nimmt der Choreograf Malik Nashad Sharpe diese Mehrdeutigkeit zum Ausgangspunkt für eine intensive Auseinandersetzung mit Trauer, mentaler Gesundheit und den Bruchstellen männlicher Gemeinschaften. Ausgangspunkt sind Schwarze und karibische Erfahrungsgeschichten.
Unter dem Alias Marikiscrycrycry entwickelt Sharpe choreografische Welten zwischen Horror, Fantasy und sozialer Realität. Seine Bewegungssprache verbindet soziale und kommerzielle Tanzformen mit zeitgenössischer Choreografie und treibt die Körper immer wieder an ihre Grenzen. In Hang Time werden sie zu Körpern, die voneinander abhängen: Die Performer*innen tragen einander, verlieren einander, halten durch.
Auch Cornrows und Braids werden zu choreografischen Zeichen. Sie stehen für Schutz, Codierung und Verbindung, können Orientierung geben und Spuren hinterlassen – und sich unvermittelt in ein Seil verwandeln. Zwischen Soca und Bouyon, Ritual und Gathering entsteht ein Zustand zwischen Schwebe und Heimsuchung. Sharpe untersucht, was Gemeinschaft zusammenhält, wenn Verletzlichkeit keinen selbstverständlichen Platz hat. Und was bleibt in der Luft, nachdem jemand verschwunden ist. 2024 war Sharpe bereits mit DARK, HAPPY, to the CORE am tanzhaus nrw zu Gast – das Ensemble wurde frenetisch gefeiert. Mit Hang Time kehrt er nun für eine neue Uraufführung auf die Große Bühne des tanzhaus nrw zurück.
Erlebe Tanz in Düsseldorf: www.tanzhaus-nrw.de
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