In ständiger Ungewissheit

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Über die Menschen in den Konzentrationslagern des Zweiten Weltkriegs ist viel recherchiert und geschrieben worden, da besteht im Grunde kein Mangel an Aufklärung. Viel weniger weiß man hingegen über das Schicksal derjenigen, die als Ausländer, etwa als Deutsche, vor Beginn des Krieges in Frankreich gelebt haben, vor allem, wie es nach dem deutschen Einmarsch 1940 für sie weiterging. Über Nacht wurden sie von amtlicher Seite zu unerwünschten Personen erklärt und, so erfährt man es aus vorliegendem Buch, fortan als Flüchtlinge, als „Réfugiés“, eingestuft (die französischen Begrifflichkeiten werden hier oftmals beibehalten), hernach zur Registrierung in Stadien zusammengepfercht und später in eigens eingerichtete Internierungslager abtransportiert. Der voluminöse autobiografische Roman des weithin unbekannten Deutschen Iwan Heilbut (1898–1972) macht sich diese Vertreibung explizit zum Thema. Heilbut selbst war 1933 nach Hitlers Machtübernahme mit seiner Frau nach Frankreich emigriert, lebte in Paris und erfuhr nach dem Einmarsch der deutschen Armee eine Odyssee, die ihn nach einem längeren Lageraufenthalt bis nach Lissabon führte, von wo aus er mit seiner kleinen Familie das rettende Schiff nach New York besteigen sollte. Der Titel „Zugvögel“ kann somit nur ironisch gemeint sein.
Edvard, der Erzähler, erlebt die Veränderung hautnah, es ist eine einzige Verstörung. „Die Eingesperrten nahmen beklommen zur Kenntnis, dass sie in Frankreich waren und doch gehasst wurden.“ Oder, noch eine Spur lapidarer: „Wir waren Feinde Frankreichs geworden“. Ernüchtert registriert er die humanen und sozialen Einschnitte ab dem Moment, da jegliche Kontrolle ihm entzogen ist und Persönliches nicht mehr zählt. Bei Ankunft im Lager wird die Habe jedes Einzelnen „durchmischt“, Brieftaschen und Ausweise eingezogen.
Edvard sind die Hände gebunden, bei aller Hilflosigkeit und Zerknirschung bleibt sein Optimismus indessen intakt, es widerstrebt ihm zu verzweifeln, auch wenn seine Hoffnungen, irgendwie seine Familie wiederzusehen, lange Zeit vergebens sind. Allein der Gedanke an Rahel und den Säugling, den er in seinen Selbstgesprächen immerzu „Môme“ („Knirps“) nennt, hält ihn bei der Stange.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Das Lager „La Macabre“, in das er gelangt, hat nichts zu tun mit irgendwelchen KZs à la Auschwitz, die Insassen besitzen gewisse Freiheiten, sind nicht der Willkür sadistischer Emporkömmlinge ausgeliefert, können sich, sofern sie Geld haben, sogar Wein oder Bier besorgen. Im Lager selbst verlaufen die ideologischen Positionen quer Beet, es gibt Patrioten und Defaitisten ebenso wie Kollaborateure. Aus dieser Gemengelage zieht der Roman seine Dynamik. Minutiös gibt Heilbut die Gespräche wieder und schärft dadurch die Charaktere. Besonders unangenehm stößt einem der windige Aufseher Schwob auf, ein Kollaborateur, der die Kommunikation mit den Nazis arrangiert und auch nicht vor Schikanen gegen die Internierten zurückschreckt. Er wird letztlich zur Nemesis des Erzählers.
Ein beeindruckendes, ungewöhnliches Buch also, nicht zuletzt, weil es trotz seiner romanesken Erscheinung eine Lücke der Geschichtsschreibung schließt. Selbst in Momenten, in denen Heilbuts Diktion etwas ins Schwülstige abgleitet, erkennt man in Edvard vor allem einen Mann, dem nichts wichtiger ist, als das kleinbürgerliche Leben wiederzuerlangen, das ihm brutal genommen worden ist. Dafür muss er seine junge Familie zunächst aus Europa herauslotsen – und peilt dafür das Zielland vieler Exilanten dieser Zeit an. Die Ungewissheit wird er weiter mit sich tragen wie die Schnecke ihr Haus.
Iwan Heilbut: Zugvögel. Roman. Claassen Verlag, Berlin 2026, 653 S., 29.-€

aus biograph 09/2026

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