Spleenig bis anarchisch

Die biograph Buchbesprechung von Thomas Laux

Romain Gary (1914–1980) war einer der schillerndsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, ein fantasievoller Spieler und Hasardeur, nicht zuletzt ein begnadeter Erzähler. Legendär, wie er den Literaturbetrieb einst narrte, als er, nachdem er 1956 den Prix Goncourt bereits erhalten hatte, 1975 das Kunststück fertigbrachte, diesen Preis gegen alle Statute gleich nochmals einzuheimsen, indem er sich unter dem Namen Émile Ajar ein Pseudonym zulegte. Er war, wie allgemein bekannt, mit Jean Seberg verheiratet, die sich 1979 umbrachte; er selbst tat es ihr ein Jahr später nach, ließ dabei die recht süffisante Nachricht zurück, dass es dabei keinen Zusammenhang gäbe mit dem Suizid von Jean Seberg.
Diese biografisch relevante Mischung aus Ernst und Sabotage sollte man bei ihm auf dem Schirm haben. Garys umfangreiches Werk wurde (und wird) auch hierzulande stets wieder aufgelegt, allerdings findet es relativ wenig Beachtung – was bedauerlich ist. „Lady L.“, soeben in einer zwar alten, aber keineswegs antiquiert wirkenden Übersetzung erneut auf Deutsch erschienen, war sein sechster Roman, er verfasste ihn Ende der 1950er–Jahre zunächst auf Englisch, um ihn ein paar Jahr später, mit einigen Änderungen, eigens ins Französische zu übersetzen.  
Die titelgebende Lady L. ist, wie sich rasch zeigt, eine etwas zwielichtige ältere Dame. Anlässlich ihres 80. Geburtstag kommt die bucklige Verwandtschaft zum Gratulieren zusammen, doch Madame zieht es vor, über sie zu lästern. Seit Jahrzehnten lebt die gebürtige Pariserin in London und hat, so scheint es, in dieser Zeit vor allem ihre Spleens kultiviert. Zu ihren Kindern erklärt sie vielsagend: „Sie waren so konventionell, so schwer von Begriff, und sie verstanden vor allem nichts von Liebe.“
Von letzterem versteht sie freilich einiges, aus, sagen wir, ehedem beruflichen Gründen: Lady L. heißt in Wirklichkeit Annette Boudin und war in ihrer Pariser Zeit nichts anderes als eine gewöhnliche Straßendirne, eine aber, die Sympathien für die anarchistische Szene pflegte, was sich allem Anschein nach bis in ihr hohes Alter hinein gehalten hat. Nun am Geburtstag wuselt Sir Percy Rodiner um sie herum, „der für seine Liebessonette preisgekrönte Dichter“. Ihm erzählt sie aus ihrem Leben, doch kaum etwas davon gefällt dem snobistischen älteren Herrn – etwa, dass sie sich nach dem frühen Tod der Mutter prostituierte, ihre Kunden mit nach Hause brachte und zwischenzeitlich dafür den eigenen Vater hinauswarf, der, wie sich herausstellt, ein Spitzel der Polizei war.
Ständiges Subthema ihrer Ausführungen ist der Gegensatz von Freiheit und bürgerlicher Ordnung, wozu auch ein gewisser Armand Denis, ein radikaler Anarchist, wesentlich beiträgt. Die junge Annette verliebt sich in ihn, er wiederum will die attraktive Frau vor allem instrumentalisieren, sie „hinter die die feindlichen Linien“ bringen, sprich: direkt in die Häuser der Reichen hinein, um diese ganz profan auszunehmen. Es werden Flugblätter verfasst, Morde geplant, Bomben gebaut, und ein Großfürst wird dann tatsächlich umgebracht.
Bei dem allenfalls locker stattfindenden Kontakt mit der High Society findet Lady L. aber dummerweise auch Gefallen am Luxus – was bei Armand nicht gut ankommt. Der wird nach einem Raubzug gefasst, gelangt für acht Jahre ins Gefängnis. Kaum wieder da, wäre er bereit für neue Schandtaten, doch sie will ihn nicht noch einmal verlieren Lady L. findet schließlich eine eigenwillige, sehr makabre Lösung, ihn an sich zu binden. Sie sei hier nicht verraten; nur so viel: auf diese Idee muss man erst einmal kommen.
Romain Gary: Lady L. Roman. Aus dem Französischen von Gert Woerner.
Wagenbach Verlag, Berlin 2026, 172 S., 24.-€

aus biograph 07/2026

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