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Ein einfacher Unfall

Ein einfacher Unfall
Frankreich, Luxemburg, Iran 2025, Laufzeit: 102 Min., FSK 16
Regie: Jafar Panahi
Darsteller: Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi

Jafar Panahi war der Held des diesjährigen Festivals in Cannes. Sein neuer Film war vielleicht nicht der beste im Wettbewerb, aber mit Sicherheit der, der den höchsten Einsatz wagte. Gerade aus dem Hausarrest entlassen, vom Berufsverbot befreit und von allen Vorwürfen des iranischen Systems freigesprochen, verkündete er, dass er niemals systemgerechte Filme machen könnte und schaffte es wieder einen Film fertigzustellen und an den Zensurbehörden vorbei auf ein internationales Festival zu schmuggeln. Bereits 2018 gewann er für DREI GESICHTER den Preis für das beste Drehbuch und nun wurde es die Goldene Palme.

Irgendwie hat man das Gefühl, Jafar Panahi habe alle seine Filme im Auto gedreht, und tatsächlich, auch in seinem neuen Film beginnt alles genau dort. Der Protagonist Vahid ist in düsterer Nacht mit Frau und Tochter auf dem Heimweg, als er einen streunenden Hund überfährt. Kurz danach bleibt er mit seinem Wagen in einer Kleinstadt liegen und findet glücklicherweise einen Anwohner, der eine kleine Werkstatt hat und ihm weiterhelfen kann. Als er diese Werkstatt betritt, um Werkzeug zu holen, fährt ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Er erkennt den Kollegen seines Helfers, ohne ihn zu Gesicht zu bekommen. Das typische Klacken seiner Bein-Prothese hat ihn monatelang im Gefängnis begleitet und neues Leid und neue Folter angekündigt. Am nächsten Morgen lauert Vahid seinem Folterer auf und entführt ihn kurzerhand. Er will ihn lebendig begraben, doch ein Freund rät ihm, das nicht zu tun. Stattdessen sucht Vahid seine Mitgefangenen auf, die das gleiche Leid wie er erfahren haben. Sie alle erkennen ihren Peiniger wieder, obwohl sie ihn nie gesehen haben, da sie immer mit verbundenen Augen vor ihn treten mussten.

Es ist eine dieser typischen Parabeln, die Panahi hier inszeniert hat, wie wir sie aus vielen iranischen Filmen kennen. Auf der einen Seite steht der Terror eines menschenverachtenden Regimes und auf der anderen das hohe moralische Bewusstsein der Bevölkerung. So sind seine Protagonisten innerlich zerrissen zwischen ihrem Wunsch nach Rache und der Erkenntnis, dass ihr Folterknecht auch nur ein Opfer des Regimes ist und sein Bein im Krieg verloren hat. Neu für Panahi, der immer zu den gemäßigten Filmemachern des Irans zählte, ist: Er nimmt kein Blatt mehr vor den Mund und greift die politischen Verhältnisse direkt an. Die Wahrheit schimmert nicht irgendwo zwischen den Bildern auf und er bemüht für die menschenverachtenden Verhältnisse keine Metaphern, sondern adressiert alles direkt. Kein Wunder, dass er den Film den Zensurbehörden gar nicht erst vorgelegt hat.
Bei der Ehrung mit der Goldenen Palme forderte er seine Landsleute auf, für ein Land zu kämpfen, das ihnen nicht vorschreibt, welche Kleidung sie tragen dürfen, das ihnen nicht vorschreibt, was zu tun ist und den Filmemachern nicht vorschreibt, welchen Film sie machen dürfen und welchen nicht. Ausgesprochen mutig, bedenkt man, dass Panahi erst letztes Jahr nach seinem Hungerstreik aus dem Gefängnis entlassen worden ist, und danach Hausarrest, Berufsverbot und Reiseverbot aufgehoben wurden, so dass er endlich einmal wieder in persona an einem internationalen Filmfestival teilnehmen konnte.

(Kalle Somnitz)

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