
Louder Than Bombs
Norwegen, Frankreich, Dänemark 2014, Laufzeit: 109 Min., FSK 12
Regie: Joachim Trier
Darsteller: Isabelle Huppert, Gabriel Byrne, Jesse Eisenberg
>> louderthanbombs.de/
Mit dem international erfolgreichen „Oslo, 31. August“ bewies sich Joachim Trier als eine der faszinierendsten neuen Stimmen des europäischen Films. So mag sein US-Debüt verwundern, doch Trier nutzt das amerikanische Setting, um seine Charaktere in ihrer spezifischen Umwelt zu erforschen, was auch hier eine intensive Atmosphäre zu erzeugen vermag. Grandios besetzt mit Isabelle Huppert, erzählt er von der Sprachlosigkeit in Familien, den unterschiedlichen Weisen Trauer zu verarbeiten und den vielen möglichen Perspektiven der Erinnerung auf einen Menschen.
Der poetische Titel „Louder than Bombs“ ist nicht umsonst dem ersten amerikanischen Album von „The Smiths“ entlehnt – die Band verweist darin auf ein Werk der Lyrikerin Elizabeth Smart mit dem Titel „By Grand Central Station I sat down and wept“. Joachim Trier gefiel der Verweis auf das Setting sowie die Schwierigkeit eine traumatische Erfahrung zu artikulieren.
So ist die zentrale Figur des Films auch eine Abwesende, der sich die Angehörigen durch Fragmente nähern müssen, die nicht leicht teilbar sind.
Isabelle Reed (Isabelle Huppert) war die Mutter zweier Söhne und sie war auch eine erfolgreiche und ausgezeichnete Kriegsfotografin, die eines Nachts bei einem Autounfall in der Nähe ihres Zuhauses ums Leben kam. Der sanfte Familienvater Gene (Gabriel Byrne) verschweigt seinem Jüngsten die genaueren Todesumstände und muss zusehen, wie dieser sich mehr und mehr von seiner Umwelt abkapselt und in virtuelle Welten flüchtet. Der ältere Bruder Jonah (Jesse Eisenberg) bewegt sich in die gegenläufige Richtung und habilitiert sich erfolgreich als Professor, gründet selbst eine Familie mit seiner Freundin. Doch gerade die Geburt seines eigenen Kindes wirft auch ihn erneut aus der Bahn und zurück auf die eigenen unbeantworteten Fragen.
Die fragile Familienkonstellation gerät in Bewegung, als ein Kollege von Isabelle eine große Retrospektive ihrer Fotoarbeiten ankündigt. Plötzlich sind alle gezwungen ihre Beziehung zu der getriebenen und rätselhaften Frau zu hinterfragen und eine Form zu finden, über ihren Schmerz zu sprechen.
Joachim Trier gelingt auch mit seinem neuen Werk ein präzises Charakterporträt, das nahe geht und zugleich, auf einer tieferliegenden Ebene, erneut die Frage der (Re-)Konstruktion von Erinnerung verhandelt. Diesmal weniger spielerisch und experimentell als in seinem grandiosen Erstling „Reprise – Auf Anfang“, jedoch mit viel Sensibilität für seine Figuren und die Mechanismen von Trauerarbeit. Gabriel Byrne verkörpert eine interessante neue Vaterfigur, die in der Lage ist, emotionale Verantwortung zu übernehmen und darum ringt, die Verbindung zu seinen Kindern nicht zu verlieren, auch wenn es ihm persönliche Opfer bedeutet. In einer der wohl berührendsten Szenen meldet er sich selbst bei einem Online-Game an, in das sein Sohn sich zurückgezogen hat und begegnet ihm dort als Avatar. Trier thematisiert verschiedene Weisen mit dem Tod eines engen Familienangehörigen umzugehen und widersteht einfachen psychologischen Schlussfolgerungen. So ist man schnell versucht zu denken, die soziale Isolation des jüngeren Kindes sei offensichtlich pathologisch – doch ist dieses sehr wohl in der Lage starke Gefühle zum Ausdruck zu bringen und im Gegensatz zu seinem Akademiker-Bruder seine Ratlosigkeit und Verletzlichkeit offen zu zeigen.
Besonders gelungen ist die geisterhafte Präsenz Isabelle Hupperts, die den gesamten Film heimsucht und deren sprödes und gleichzeitig intensives Spiel die ganze Zerrissenheit und Ambivalenz ihrer Figur zum Ausdruck zu bringen vermag.
„Louder than Bombs“ ist ein psychologisch und formal vielschichtiges Familiendrama, das erneut Joachim Triers erzählerisches Talent unter Beweis stellt.
(Silvia Bahl)
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