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Siri Hustvedt - Dance Around The Self

Siri Hustvedt - Dance Around The Self
Deutschland, Schweiz 2026, Laufzeit: 115 Min., FSK 12
Regie: Sabine Lidl
Darsteller: Siri Hustvedt, Paul Auster, Wim Wenders
>> www.x-verleih.de/filme/siri-hustvedt-dance-around-the-self/

Es ist alles andere als ein leichtes Unterfangen, das Leben und Wirken einer Person, das sich größtenteils im Verborgenen hinter Bücherregalen und am Schreibtisch abspielt, leinwandtauglich einzufangen. Sabine Lidls zärtliches, lange nachhallendes dokumentarisches Porträt der mit Doktorwürden hochdekorierten Schriftstellerin Siri Hustvedt, die seit vielen Jahrzehnten die gegenwärtige Literatur- und Kunstwelt prägt, gelingt das und noch viel mehr: in kunstvollen Kreisbewegungen zieht es seine Bahnen um ihr Leben, Schreiben und Denken – eine filmische Verneigung.

Einen Roman zu schreiben, überlegt Siri Hustvedt anfangs, sei vergleichbar mit dem Jonglieren von Bällen – anfangs habe man noch Mühe, sie in der Luft zu halten, immer wieder müsse man sie vom Boden auflesen, neu anfangen, doch dann, irgendwann, seien sie in der Luft und es sei spielerisch leicht. Ähnlich wirkt es auch bei Sabine Lidls Dokumentarfilm, der gleich zu Beginn in zunächst wild anmutender Akrobatik zwischen unterschiedlichen Stilen changiert: Interviewszenen mit Siri Hustvedt und Wegbegleiter*innen folgen auf kurze Zwischenspiele im archivisch anmutenden Super-8-Look – Romanfiguren, die als Alter Egos der Autorin durch die pulsierenden Straßen Manhattans streifen oder eingestreute Zeichentricksequenzen, in denen fantasievoll frühe Skizzen Hustvedts zum Leben erweckt werden. Schnell wird klar, dass Lidls Anspruch, das komplexe Wirken dieser unangepassten, multiinteressierten Autorin einzufangen, ein simples Porträt mit Talking Heads bei Weitem übersteigt. Die poetische Montage, mit der sie sich ihrer Protagonistin nähert, mäandert geschickt zwischen Gegenwart und Rückblick – vergleichbar mit Laura Poitras' beeindruckendem Dokumentarfilm „All the Beauty and the Bloodshed" über Nan Goldin. Kurz gesagt: Auch Lidl jongliert ihre Bälle mit Bravour.

Das Haus in New York, das Siri Hustvedt mit ihrem Ehemann Paul Auster bewohnt – ihr Arbeits- und Wohnzimmer –, wird schnell so vertraut, als sei man selbst zu Gast in ihren vier Wänden. Rezitierte Romanpassagen überlagern die Bilder; Parallelen zum schriftstellerischen Werdegang werden gezogen – etwa zur Ankunft der jungen Frau aus der Provinz Minnesota im Großstadtdschungel New Yorks, der sie zu ihren ersten fiktionalen Texten inspiriert. Doch immer bleibt deutlich, dass sich Hustvedts Fiktion zwar an der Realität orientiert, sie aber nie kopiert. Einflüsse aus der Literatur, aber auch aus der bildenden Kunst werden aufgezeigt: etwa die große Bildhauerin Louise Bourgeois, die in Hustvedts essayistischem Werk einen besonderen Platz einnimmt.

Es ist natürlich unmöglich, ein so umfangreiches Lebenswerk wie das Hustvedts auf zwei Stunden Film zu verdichten. Doch Sabine Lidl kuratiert ihre Inhalte ausgesprochen sorgsam und verwebt die großen Themen Sprache, Feminismus, Psychologie, Identität und Kunst, die Hustvedt seit jeher umtreiben, so geschickt, dass beim Abspann tatsächlich der Eindruck entsteht, man habe geradewegs in ihren scharfsinnigen Verstand hineingeschaut. Dass „Siri Hustvedt – Dance around the Self" darüber hinaus auch eine ungeahnte emotionale Wucht entfaltet, ist den vor Wärme leuchtenden Szenen geschuldet, in denen sie und Paul Auster seelenverwandt scherzen und Erinnerungen austauschen. Die Unerschütterlichkeit, mit der beide seine Krebserkrankung konfrontieren, an der er 2024 schließlich erliegt, sowie die Wahrhaftigkeit, mit der sie ihre Liebe zueinander ausdrücken, gehören schon jetzt zu den traurig-schönsten Momenten des Kinojahres.

(Nathanael Di Battista)

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